· 

Ein Minister(ium) in der Krise: „Wer so agiert, ist weit weg von jeder schulischen Realität.“

Gerhard Pušnik : „Wer so agiert, ist weit weg von jeder schulischen Realität.“ Bild: Joachim Wiesner
Gerhard Pušnik : „Wer so agiert, ist weit weg von jeder schulischen Realität.“ Bild: Joachim Wiesner

Aufgegriffen

 

von Gerhard Pušnik im neuen Kreidekreis Mai 2020


Ein Minister(ium) in der Krise


Wir verfügen nach zwei Monaten der Krise über wenig gesicherte Informationen. Aber so viel wissen wir: Abstand halten, sich im Freien aufhalten und bewegen und regelmäßig Hände waschen, das hilft und verhindert Infektionen. Wir wissen auch: Wir brauchen Nähe, wir benötigen dringend Sozialkontakte, wir müssen sie intensivieren und pflegen.


Nach sieben Wochen pädagogischer Ausnahmesituation ist klar: Tele-, Home- oder Videoschooling sind kein Ersatz für Lehren und Lernen von Angesicht zu Angesicht. Aus kognitiven, emotionalen und sozialen Gründen ist ein behutsames Hinauffahren der Lernaktivitäten mit Präsenzunterricht notwendig. Ein radikales Herunterfahren kann man allerdings nicht mit brachialem Hinauffahren beenden.


Nach diesen Wochen der Unsicherheit, des Improvisierens und des Isoliert- seins ist ein wohlüberlegtes, kreatives, phantasievolles und praktikables Herangehen nötig. Im täglichen Leben gelten die Schutz- und Gesundheitsregeln nach wie vor. Wir befinden uns mitten in der Corona-Krise. Schulen sind davon nicht ausgenommen.


Doch der Bildungsminister und seine Beratercrew drängen uns dazu, genau das zu tun, was jeder fürsorgenden Empfehlung widerspricht. Sie legen einen Etappenplan vor, der Schüler*innen und Lehrer*innen gleich den halben Tag lang in engen Klassenräumen zusammenführt.
Man vergleiche: Ein zweistündiges Konzert, ein halbstündiger Vortrag, eine Demo an der frischen Luft - in dieser Größenordnung - das alles ist verboten. Unterricht nicht.


Was der Minister von Lehrer*innen hält und welche Vorstellungen im Ministerium über Schule vorherrschen, zeigen folgende Beispiele:

  • Hinter Plexiglas und vor laufenden Kameras erklärt Faßmann tatsächlich, wie eine Klasse in zwei gleich große Gruppen zu teilen sei.
  • Das Ministerium empfiehlt, in den Pausen die Hälfte der Gruppen in den Klassenräumen zurückzuhalten.
  • Bewegung und Sport gelten als zu riskant und das Hören von Haydn-Symphonien, Igor Levits Klavierspiel oder die Beschäftigung mit der Geschichte des Blues könnten den Virus verbreiten. Ganz im Unterschied zu Mathe, Deutsch, Informatik- oder Spanischunterricht stellen Musik sowie Bewegung im schulischen Kontext eine gesundheitliche Gefährdung dar.
  • Demonstrativ werden berechtigte Einwände der Lehrer*innen ignoriert.
  • Bis heute verweigert das Ministerium den Austausch mit und das Einbeziehen der gesetzlichen und gewerkschaftlichen Vertretungsorgane.

 

Die größte Fehlentscheidung war wohl die, noch schnell drei Klausuren der schriftlichen Reifprüfung anzusetzen und zur gleichen Zeit die Schulen wieder hinaufzufahren.


Dies können nun die Lehrer*innen und Leiter*innen ausbaden. Wer die Infrastruktur und die räumlichen Gegebenheiten in den Bundesschulen kennt, der schaudert. Praktisch alle Regeln, die ganz Österreich im Lockdown verordnet wurden, dürfen ab jetzt im Schulbetrieb gebrochen werden.


Wer da im Stab des Bildungsministers beratend tätig ist, diese Auskunft hat Faßmann bisher verweigert. Fix ist: Wer so agiert, ist weit weg von jeder schulischen Realität.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0