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Lehrerbewertungs-APP – schlichtweg ungeeignet

Lehrerbewertungs-APP – schlichtweg ungeeignet  Bild:spagra
Lehrerbewertungs-APP – schlichtweg ungeeignet Bild:spagra

Thema: Schule&App

 

Unsere ausführliche und fundierte Bewertung der Lehrerbewertungs-APP: „schlichtweg ungeeignet“

Ein sinnvolles Feedbacksystem muss anders aussehen
Professionelle Feedbackplattformen im Internet könnten neben allen anderen Qualitätssicherungsmaßnahmen auch einen Beitrag für eine glaubwürdige Transparenz bezüglich der Qualitätssicherung der Bildungssysteme leisten. Und damit das Vertrauen in die Institution Schule stärken. Das Ziel solcher Feedbacksysteme im Internet muss eine konstruktive Kritik, Evaluierung, Rückmeldung und Diskussion sein.  

APP ohne Mehrwert für die Schul- und Unterrichtsqualität und den öffentlichen Diskurs
„Einfach auf einen Stern in einer öffentlichen App zu klicken reicht für eine glaubwürdige Bewertung nicht aus“, kritisiert die Vorsitzende im Fachausschuss der BMHS in Vorarlberg, Katharina Bachmann (VLI). Die Bewertungen in diesem APP könnten weder einer Klasse noch einem Unterrichtsfach zugeordnet werden und seien aufgrund der fehlenden Kommentarfunktion viel zu unkonkret. Die von der APP gebotenen Informationen für die Bewerteten seien deshalb „nicht geeignet, um daraus konkrete Maßnahmen abzuleiten“, zeigt Bachmann weitere Mängel der APP auf. Daran ändere auch die Möglichkeit der Bewertungen in Kategorien wie Unterricht, Fairness oder Pünktlichkeit mit einem Stern bis fünf Sternen nichts.

Vollkommen unakzeptabel: Bewertete können ihre Sicht der Dinge nicht darlegen
Die Bewertung der Lehrer*innen auf einer Skala von 1 bis 5 kritisiert auch der Vorsitzende im Fachausschuss der AHS in Vorarlberg, Gerhard Pušnik (VLI): „Die Schüler*innen haben keine Möglichkeit in ihrem Feedback zu beschreiben, was sie gut bzw. schlecht finden oder konkret wünschen. Vollkommen unakzeptabel ist auch, dass die bewerteten Lehrer*innen, genauso wie die bewerten Schulen, keine Möglichkeit für eine Rückmeldung haben. Es wird ihnen keine Möglichkeit geboten, ihre Sicht der Dinge darzulegen“.  Eine wechselseitige und offene Kommunikation sei aber für eine erfolgreiche Evaluation in der Schule unbedingt erforderlich. Denn „Schule und Unterricht sind durch eine komplexe Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden geprägt, das ist nicht vergleichbar mit Taxifahrten und Restaurantbesuchen.“ Diesem Umstand und der sich daraus ergebenden Herausforderung und Verantwortung werde diese APP in keiner Weise gerecht, stellt Gerhard Pušnik fest.
Damit kann das Ziel der APP, „Schüler sollen den Unterricht mitgestalten dürfen“ (Zitat von Benjamin Hadrigan, dem Initiator der APP), wohl nicht einmal annähernd erreicht werden.

Hohes Missbrauchspotential und Intransparenz
Laut Hadrigan sei die Transparenz ein wichtiges Merkmal und Missbrauch so gut wie ausgeschlossen. Beide Behauptungen bestehen eine erste Analyse und den Praxistest nicht. Die Bewertungen erfolgen anonym. Jeder der ein Mobiltelefon besitzt, kann eine Schule und die Lehrer*innen dieser Schule bewerten. Denn die App funktioniert mit einer einfachen Telefonnummer-Verifikation mittels sms. Theoretisch steht damit jeder Telefonnummer ein Account offen. Eine Überprüfung, ob das Handy einer Schülerin oder einem Schüler gehört, erfolgt nicht.
Die Präsentation der APP konnte unsere Sicherheitsbedenken nicht beheben. Keine oder nur sehr oberflächliche Antworten gab es auf die Fragen, welche Qualitätssicherungs- und Sicherheitsstandards die Persönlichkeitsrechte schützen, ob Missbrauch, Vernaderung oder Verunglimpfung verhindert werden können und ob Bewertungsfilter eingesetzt werden, um zum Beispiel eine auffällige Häufung von Bewertungen derselben Person bzw. Schule zu entdecken.  

Dass die Bewertung nur in einer Skala von 1 bis 5 erfolgen kann ist laut Gerhard Pušnik, „wohl eher der technischen Einfachheit und dem damit geringen Wartungs- und Betreuungsaufwand der Bewertungsplattform geschuldet und nicht um, wie vom Initiator der APP vorgegeben, den Datenschutz zu optimieren und die Gefahr von Mobbing, falschen Angaben und Eingriffen in Persönlichkeitsrechte zu minimieren.“  Um die Fehlerquote zu minimieren, bieten alle seriösen Feedbacksysteme eine automatisierte Information an die Bewerteten per Mail über neue Bewertungen, eine Kommentarfunktion zu den Bewertungen, gut sichtbare Symbole neben der Bewertung, damit jederzeit eine zweifelhafte Bewertung gemeldet werden kann und eine Löschung des Eintrags, wenn nach Prüfung eine missbräuchliche Verwendung der Bewertungsfunktion festgestellt wird.

Das alles bietet die APP nicht
Sinnvoll ist diese APP also nicht, ganz im Gegenteil. Es werden nicht einmal die gängigsten Sicherheitsmaßnahmen gesetzt, damit die Bewertungen zumindest überwiegend den Tatsachen entsprechen. Welche Folgen würde das in der Praxis haben? „Die Beziehung zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen (und deren Eltern) ist nicht immer spannungsfrei. Ein eher schlicht gestaltetes Bewertungs-APP kann schnell zu einer kritischen Belastung auf beiden Seiten werden“, zeigt sich Katharina Bachmann besorgt.

Fragwürdiges Schul- und Lehrerrating
Auf der Basis von zweifelhaften Daten ein Ranking der Schulen und der Lehrer*innen zu erstellen, ist unverantwortlich. Die negative Performance in und zwischen den Schulen ist kaum abschätzbar.  

Lehrerbewertungs-APP schlichtweg ungeeignet
In den letzten Jahren hat sich in Österreichs Schulen ein gutes Qualitätssicherungssystem und eine erfreuliche Feedbackkultur entwickelt. Die Rückmeldungen werden von Lehrer*innen als Grundlage für die Qualitätssicherung oder -verbesserung ihres Unterrichtes gesehen. Das funktioniert heutzutage sehr gut und wird sowohl von den Lehrer*innen und den Schüler*innen geschätzt. Die Tatsache alleine, dass sich die allermeisten Lehrpersonen regelmäßig von ihren Schüler*innen evaluieren lassen, reicht aber nicht aus. Was diese systeminternen Qualitätssicherungswerkzeuge (noch) nicht bieten können, ist die Transparenz, die zumindest partielle Öffentlichkeit, eine Plattform zum offenen Diskurs und der offenen Kommunikation. Aber genau diese Öffentlichkeit wäre wichtig, um Vertrauen zu schaffen.

Aber dafür ist die Lehrerbewertungs-APP schlichtweg ungeeignet.

 

ms

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Kommentare: 2
  • #1

    Josef Gary Fuchsbauer (Samstag, 16 November 2019 08:35)

    Danke fuers genaue Anschuen und beurteilen dieser App. Wenn auf einer zugehoerigen Website (lernsieg.at/impressum) das Impressum leer (!) ist und eine angegebene Mailadresse app@lernsieg.at zur Meldung
    "host mx00.udag.de [62.146.106.39]
    SMTP error from remote mail server after RCPT TO:<app@lernsieg.at>:
    550 5.1.1 <app@lernsieg.at>: Recipient address rejected:
    User unknown in local recipient table" fuehrt, fragt man sich, wer die Finaciers dieser "Sache" sind.

  • #2

    Christian Schwaiegr (Samstag, 16 November 2019 15:26)

    Danke für diese Klarstellung!
    Oben wird darauf hingewiesen, dass "Schule und Unterricht (..) durch eine weitaus komplexere Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden geprägt (ist) als Taxifahrten und Restaurantbesuche." Taxi- und Restaurantkund_innen (auch Patient_innen) sind keine Klasse von bis zu 30 Schüler_innen und mehr, die meherere Stunden pro Woche mit der Lehrperson interagieren, woraus sich eben komplexe gruppendynamische Prozesse ergeben. Darin liegt auch ein großer Unterschied in der Online-Bewertung von Ärzt_innen und Lehrer_innen.