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„Krisen-Matura“ à la Faßmann: Eine Mutter hat uns viel Interessantes und Gescheites zu diesem Thema zu berichten.

Krisen-Matura: Maturant*innen haben bereits in den letzten Wochen die Reifeprüfung mit Auszeichnung abgelegt Bild: spagra
Krisen-Matura: Maturant*innen haben bereits in den letzten Wochen die Reifeprüfung mit Auszeichnung abgelegt Bild: spagra

Die Maturant*innen des „Corona-Jahrganges“ brauchen keine Reifeprüfung mehr für ihr Maturazeugnis. Sie haben in den letzten Krisenwochen weit überdurchschnittliche „Reife“ bewiesen: „in Geduld, Vernunft, Größe und Mut".

 

Michaela Rüscher aus Bregenz hat uns einen sehr lesenswerten Brief auf Gerhard Pušniks Analyse im UBG-Blog

„Krisen-Matura: Mehr Fragen als Klarheiten" ,

geschrieben.

 

Seit fast einem Monat erlebt die Volksschullehrerin und Mutter einer Maturantin zu Hause Homeschooling. Und sie hat uns viel Interessantes und Gescheites zum Thema „Krisen-Maturaprüfung“ à la Faßmann zu berichten.  

 

Sehr geehrter Herr Pušnik,


über meine Direktorin erhielt ich per Mail Ihr Schreiben zu den COVID-19 Vorbeugungsmaßnahmen für die Schulen vom 31. März 2020.
Mit großem Interesse und mit Freude habe ich Ihre Punkte aufmerksam gelesen, da ich selbst im Volksschulbereich arbeite.
Ganz persönlich hat mich der Absatz zur Matura angesprochen. Ich bin Mama einer Maturantin. Seit fast einem Monat erlebe ich zu Hause Homeschooling. Meine Tochter strukturiert sich den SCHUL-Alltag selbstständig. Unser Esszimmer wurde kurzerhand zum Schulraum umfunktioniert. Ich habe das Glück, eine sehr gefestigte, starke und gewissenhafte Tochter zu begleiten. Lehrer*innen würden sie in ähnlicher Weise als Schülerin beschreiben.

 

Das Thema Matura belastet, irritiert und laugt letzte Ressourcen aus
Nun zieht sich das Thema Matura seit Wochen hin. Es belastet, irritiert und laugt letzte Ressourcen aus. Abgesehen davon, hat sich die ganze Welt beängstigend schnell verändert. Mein Kind ist inzwischen müde, erschöpft und völlig am Limit mit all den Beschränkungen und Eingrenzungen und der Fülle an Aufgaben und Herausforderungen. Homeschooling bedeutet, und so beobachte ich es hier jeden Tag, auch in den Ferien morgens um 8 beginnen und selbstständig bis 15, 16 Uhr intensiv und selbstorganisiert arbeiten. Völlig ohne gewohnte, so wertvolle, direkte Sozialkontakte zu Lehrer*innen oder Mitschüler*innen.

 

Meiner Meinung nach hat dieser Jahrgang bereits in mehreren Fächern maturiert: in Geduld, Vernunft, Größe und Mut.
Mir persönlich kommt es vor, als befürchteten hier zuständige Minister eine Bildungskrise, eine soziale Unmöglichkeit oder ein öffentliches Versagen, wenn ein (Ausnahme)Jahrgang, und zwar genau dieser jetzt betroffene, ohne schriftliche und mündliche Maturaprüfungen abschließen würde. Dabei wäre diese Lösung, meines Erachtens, die einzig faire. Diese Schüler*innen beweisen Ausdauer, Stärke und tagtäglich seit 16. März eine beachtliche Reife, allein, weil sie dieser Situation standhalten und daran erwachsen. Meiner Meinung nach hat dieser Jahrgang bereits in mehreren Fächern maturiert: in Geduld, Vernunft, Größe und Mut.

 

Die Zentralmatura soll aufgrund der Einmaligkeit der Covid-19 abgesagt werden
Ich gehe hierzu ganz und gar konform mit Ihren Ideen unter Punkt 1: Die Zentralmatura soll aufgrund der Einmaligkeit der Covid-19 abgesagt werden. Die Maturant*innen bekommen ein Reifeprüfungs-Zeugnis, in das die Noten des Abschlusszeugnisses (in den gewählten bzw. vorgeschriebenen Fächern) übernommen werden. Sollte ein Fach in der 8. (5.) Klasse nicht mehr unterrichtet worden sein, so gilt die Note des Zeugnisses der 7. (4.) Klasse.

 

... subtilen Traumatisierungen
Mir geht es hier vorrangig um den Schutz meiner Tochter, ihrer Mitschüler*innen und letztlich aller betroffenen Schüler*innen. Ich bin besorgt, ob bei all diesen Debatten zur Matura 2020 ansatzweise bedacht wird, welche subtilen Traumatisierungen hier passieren; die Spätfolgen werden sich zeigen. Dieses Hin und Her, diese Ungewissheit und dieses Verlassensein vom vertrauten System in einem derart anspruchsvollen Lebensabschnitt hinterlassen Spuren; Spuren in Herzen und Seelen. Wie sollen hier kognitive (Hoch)Leistungen, das anerkannte Ziel der Matura, erbracht werden?


Ich möchte Ihnen meinen Dank aussprechen, dass Sie in Ihrem Schreiben genau diese Themen an Herrn Minister Dr. Faßmann herangetragen haben.


In diesem Zusammenhang möchte ich noch fragen, ob Sie von Elterninitiativen wissen oder gehört haben, die sich zum Schutz ihrer in diesem Jahr maturierenden Kindern engagieren. Ich möchte da gerne aktiv werden und mich nützlich und laut machen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und Zeit und wünsche mir, dass es noch vor Mitte Mai ein Erwachen zu diesem Maturadilemma geben wird. Ich wünsche mir Würde und Respekt für alle Schüler*innen, die sich unverschuldet in dieser Notsituation wiederfinden müssen.

 

Herzlichst,
Michaela Rüscher, Bregenz

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