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Zum Bildungsprogramm von Türkis-Grün

Analyse zum Bildungskapitel in türkisgrünen regierungsprogramm von Renate und Timo Brunnbauer
Analyse von Renate und Timo Brunnbauer

Aus Verantwortung für Österreich, oder:
Was uns zum Bildungsprogramm von Türkis-Grün auffällt:

 

Eine Analyse von Renate und Timo Brunnbauer

(Text übernommen aus der HP der kuli-UG)

 

Keine Frage: Türkis-Grün ist eine ungewöhnliche politische Variante. Und sie klingt jedenfalls erfreulicher als eine Türkis-Blaue Variante. Doch schon bald nach der Veröffentlichung des Regierungsprogramms fragten sich kritische Geister: ist das Programm nicht eh eine Fortsetzung des alten Kurses, mit ein paar grünen Tupfern da und dort?
 
Als Unabhängige Lehrer*innen haben wir uns die 17 Seiten angesehen, die sich mit den Vorhaben der neuen Regierung zum Thema Schulbildung (inkl. Elementarpädagogik) auseinandersetzen.
 
Zusammengefasst: der alte Stil lebt eigentlich weiter, grüne Tupfer sind nur an wenigen Stellen zu erkennen. Auch die Bestellung von Minister Faßmann ist ein klares Zeichen, dass der türkise Kurs weitestgehend beibehalten werden soll.
 
Im Wahlkampf war Bildung lediglich bei den NEOS ein essentielles Thema; die Türkisen redeten von Wirtschaft und geschlossenen Flüchtlingsrouten (eh klar), die SPÖ wurde grün (Öffiticket), die Grünen verschrieben sich dem Kampf gegen den Klimawandel (wichtig) und die Freiheitlichen wollten auch irgendwas (Kickl als BIMAZ).
 
Was steht nun im Bildungsprogramm? Und was nicht?
Auf 16 Seiten geht es um die Bereiche Elementarpädagogik, Volksschule, Mittelschule und Lehrplaninhalte. Interessant ist natürlich auch, was nicht im Bildungsprogramm der neuen Regierung steht. Wichtige Reformen wird es in der nächsten Legislaturperiode nämlich kaum geben (im APS Bereich im Grunde keine). Absolut ungeklärt sind Finanzierungsvorhaben. Aber ohne Göd ka Musi..
 

So beginnt das Kapitel:
Bildung ist eine unserer wichtigsten Investitionen in die Zukunft. Sie ermöglicht die Entfaltung der Persönlichkeit und Talente, bewirkt mehr Chancengerechtigkeit, ebnet den Weg zu einer passenden Berufswahl und schafft so das Fundament für ökonomische Unabhängigkeit sowie für ein selbstbestimmtes Leben. Österreich hat ein gutes und starkes öffentliches Bildungssystem, das für alle offensteht. Gleichzeitig gibt es auch Bereiche, in denen wir besser werden müssen und wollen. (S. 288)
 
Wird die Elementarpädagogik aufgewertet?
Ja. Plan ist es, dass Leiter*innen der Kindergärten einen universitären Abschluss erlangen sollen (Bachelorstudien an den PHs). Die BAfEPs bleiben allerdings in ihrer jetzigen Form erhalten. Zudem will sich der Bund stärker in den Ausbau der Kindergärten einmischen. Diese Punkte sind aber nicht wirklich neu: schon im Türkis-Blauen Regierungsprogramm 2017 waren sie so zu finden.
 
Mit den Grünen wird es sicher keine Fortführung der Deutschklassen geben, oder?
Doch, die bleiben bestehen. Allerdings soll es verstärkt zu schulautonomen Lösungen kommen. Wie diese aussehen, ist nicht genau ausgeführt. Die Deutschförderung soll auch für ordentliche Schüler*innen ausgebaut werden. Das ist an sich wünschenswert, nur: Mit welchen finanziellen Mitteln und ob dies zu Lasten jetziger Kontingente der Schulen geht, bleibt unbeantwortet. Künftige Lehramtsstudent*innen müssen in ihrem Studium eine DaZ-Ausbildung machen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, die Deutschklassen als solche stehen seit ihrer Einführung in der Kritik (selbst bei FCG- Vertreter*innen). Wir fordern schon lange: sie müssen ersatzlos gestrichen werden.
 
Wird etwas an der Schulstruktur verändert?
Nein. VS, MS, AHS, PTS, BHS, BMHS... alle diese Schultypen bleiben. Was kommen könnte ist ein bundesweit einheitliches Verwaltungsprogramm (a la ESA) – dies wird das Leben der Lehrer*innen nicht wirklich verändern.
 
Werden Lehrer*innen künftig entlastet?
Vielleicht und eher nein. Es wird im Bildungsprogramm zwar von Supportpersonal gesprochen, doch ist nicht im Detail ausgeführt, was damit gemeint ist. Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen oder Sekretär*innen? Wie viele und ab wann?
 
Sehr wohl gibt es eine Neuerung, die eine Mehrarbeit für die MS-Pädagog*innen bedeuten wird: eine Mittlerer Reife Prüfung soll in der 9. Schulstufe implementiert werden. Wird diese nicht bestanden, dürfen die Kinder die Schule nicht verlassen, sondern müssen ihre Bildungspflicht in den Schulen absolvieren. Es wurde im Regierungsprogramm allerdings darauf vergessen zu erwähnen, welche Institutionen dann mit diesen Schüler*innen die mittlere Reife erarbeiten sollen: bleiben diese Kinder dann bis zum 18. Lebensjahr in den vierten Klassen der MS oder in den Polytechnischen Schulen? Und was passiert mit der vor Kurzem eingeführten Ausbildungspflicht?
Anmerkung am Rande: die Lehrpläne sollen grüner werden. Und im Gegenstand „Geschichte, Sozialkunde, Politische Bildung“ soll Politische Bildung stärker verankert werden. Häh?
 
Wird die österreichische Schule digital?
Ja, ab der 5. Schulstufe gibt es Tablets oder Laptops für die Kinder. Allerdings müssen die Eltern (mit Unterstützung des Staates) da kräftig mitzahlen. Das wird Anbieter freuen, da spült es mächtig Geld in die Kassen von Apple und Co.
 
Noten in der VS – das wurde sicher zurückgenommen?!?
Eine große Enttäuschung: die Notenpflicht ab der 2. Klasse Volksschule bleibt. Es wird sogar der Druck auf die Kinder zunehmen.
Denn über die Gymnasialreife der Kleinen werden künftig zusätzlich die Leistungen der 3. Klasse und eine individualisierte Kompetenzfeststellung in der 3. Schulstufe mitentscheidend sein.
 
Wird der Chancenindex der AK kommen?
Nein. Eine sehr große Enttäuschung ist es, dass die schwierigen Standorte weiterhin im Regen stehen gelassen werden. Es soll zwar an 100 „Brennpunktschulen“ dieser ausprobiert werden, doch das ist wohl viel zu wenig. In Österreich gibt es über 5000 Pflichtschulen! Und an 100 von ihnen wird evaluiert werden, ob es den Chancenindex braucht oder nicht. Da sehen wir von grüner Handschrift herzlich wenig.
 
Vorarlberg möchte Modellregion für die Gemeinsame Schule werden. Wann geht es jetzt los?
Eventuell nach 2024, denn im Regierungsprogramm wird von einer Gemeinsamen Schule an keiner Stelle gesprochen. Das segregierende Schulwesen wird festgeschrieben. Auch hier ist leider von grüner Handschrift nichts zu sehen. Interessant, denn im Ländle regiert ja eine schwarz-grüne Landesregierung, die gerne eine Modellregion installieren würde.
 
Welche Neuerungen sind noch in Sicht?
Ein Bonussystem für Schulen, die Nachprüfungen in der letzten Ferienwoche durchführen wollen, ist im Gespräch (wird eher die höheren Schulen betreffen). Die Schulausspeisung soll besser werden (mehr regional, mehr bio). Schulneubauten sollen ökologisch am neuesten Stand der Technik sein. Von der täglichen Turnstunde (Zusammenarbeit mit örtlichen Sportvereinen) ist die Rede (gab es schon, funktionierte oft nicht). Die duale Ausbildung soll verbessert und die Rolle der PTS verändert, eventuell gestärkt werden. Allerdings werden auch die Berufsbildenden Mittleren Schulen gefördert (die ja ihre eigentliche Bedeutung als Weg neben der Lehre, einen Beruf zu erlernen, längst verloren haben).
 
Die SPF-Stunden werden extern evaluiert. Ob dies ein Mehr an Ressourcen oder eher das Gegenteil bedeutet, ist unklar.
 
Zusammengefasst: was wird uns erwarten?
Eine Neuerung wird die Bildungspflicht und die damit verbundene Mittlere Reife darstellen. Statt weniger „Testeritis“ wird es dadurch mehr geben. Die Trennung der Kinder ab der 5. Schulstufe bleibt bestehen, wird nicht einmal mehr hinterfragt. Ebenso gibt es kein Bekenntnis zur Inklusion (immerhin ist der Ausbau der Sonderschulen kein Thema mehr – im Programm 2017 war es dieser noch).
 
Positiv: von Time Out Klassen für schwierige Schüler*innen ist so nicht mehr die Rede. Vielmehr wird von standortbezogenen Lösungen bzw. auch Supportpersonal gesprochen (wieder ohne einem Ansatz einer zukünftigen Finanzierung dieser).
Quereinsteiger*innen soll es leichter gemacht werden, in den Schuldienst einzutreten. Verständlich, es steht ein massiver Lehrer*innenmangel bevor.
Wir werden sehen, welche Reformen tatsächlich kommen, welche Vorhaben an finanziellen Gegebenheiten scheitern und welche Gesetze nicht so kommen, wie im Regierungsprogramm vorgesehen. Der große Wurf ist das Bildungsprogramm nicht geworden und von grüner Handschrift ist wirklich sehr wenig zu sehen. Dies enttäuscht uns schon, denn eine Rücknahme der Notenpflicht in der VS oder eine tatsächliche Ressourcenerhöhung für schwierige Schulstandorte wäre doch notwendig und schnellstmöglich umzusetzen.
 
Fazit: Es wird kein neuer Wind durch die Schulgänge wehen. In vielen Teilen unterscheidet sich das Bildungsprogramm 2019 nämlich nicht von jenem der Türkis-Blauen Regierung von 2017. Dies verwundert schon.

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