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Die Reise unserer Gene - Buchrezension

Bild: Propyläen Verlag
Bild: Propyläen Verlag

Johannes Krause mit Thomas Trappe:

 

Die Reise unserer Gene
Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren

 

Tipp für den Unterrichet von Ilse Seifried: 

"Ich empfehle allen ab 16 Jahren dieses informative, handliche und ansprechende Buch vorbehaltslos, weil es jeder*m Leser*in viele Erkenntnisse schenkt und weil es einen solch konzentrierten Überblick trockener Fakten so fesselnd gut geschrieben bisher noch nicht gab."

Rezension: Ilse Seifried

 

Krause, Johannes / Trappe, Thomas: Die Reise unserer Gene
Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren
Propyläen Verlag, 2019
Hardcover mit Schutzumschlag, 288 Seiten, ISBN-13 9783549100028, € 22,70

Das Wort Balkanroute ist wohl jenes Wort, das im Jahr 2015 viele Menschen emotional bewegte. In Österreich wurden damals 90 000 Asylanträge gestellt. Die einen wollten Grenzzäune, Bundeskanzler Faymann nannte es lieber "Türl mit Seitenteilen".
2019 wurden bis Ende Juni nur noch 5 800 Asylanträge gestellt und dennoch schüren ehemalige türkis-blaue Regierungsmitglieder Ängste vor Flüchtlingen.

„Nein, Migration lief selten komplett friedlich ab, und ja, ohne sie wäre der Kontinent nicht so weit gekommen, wie er heute ist. Ein urzeitliches Europa ohne Migration wäre ein menschenleeres Europa gewesen, mit einer beeindruckenden Flora und Fauna immerhin.“

Wer weiß schon, dass die Balkanroute eine bewegte 40 000-jährige Geschichte hat? Über die Details, wer wie oft womit wohin mit welchen Konsequenzen wanderte, informiert dieses Sachbuch. Es beschäftigt sich nicht nur mit der Balkanroute, sondern mit den Wegen der Gene weltweit. Wissenschaftliche Ergebnisse der Archäogenetik förderten in den vergangenen Jahren Erstaunliches zu Tage.

Die Autoren fassen diese im Buch Die Reise unserer Gene in neun Kapiteln gut strukturiert, in leicht verständlicher Sprache und wirklich spannend zu lesen, zusammen. Fotos und Übersichtskarten verdeutlichen anschaulich die Wege.

Was können menschliche Gene mittels neuester Technologien erzählen?
„Der Durchsatz der Maschinen hat sich in den vergangenen zwölf Jahren verhundertmillionenfacht, sodass wir heute auf einer einzigen Sequenziermaschine sagenhafte 300 menschliche Genome an einem Tag decodieren können.“
Sie erzählen zum Beispiel, dass die ersten Europäer*innen dunkelhäutig waren, dass es keine „reinen“ europäischen Wurzeln gibt und der Ackerbau vor 8000 Jahren mit aus dem Nahen Osten stammenden eingewanderten Großfamilien nach Europa kam. Bestätigt ist, dass die Ahn*innen der heutigen Europäer*innen Morgenländer*innen mit afrikanischen Wurzeln sind, die mit dem Ackerbau auch Krankheiten brachten.

Die Umstellung von nomadischem Leben auf eine sesshafte Lebensweise zeigt aufschlussreiche Detailergebnisse:
„Vor 6000 bis 5000 Jahren, also lange nach dem Beginn des Neolithikums, bestatteten sowohl Jäger und Sammler als auch Ackerbauern ihre Toten in der Höhle, wie eine DNA-Analyse dort gefundener Knochen zeigte. Beide Populationen müssen Nachbarn gewesen sein, die sich darauf verständigten, einen gemeinsamen Friedhof zu nutzen. Dass die Gruppen sich entsprechend ihrer eigenen Tradition ernährten, obwohl sie zweifellos unter den gleichen Umweltbedingungen lebten, bewies eine Isotopenanalyse der Knochen. Bei den Jägern und Sammlern dominierten Fisch und Fleisch, und dazu sicherlich eine ordentliche Portion Würmer und Insekten. Die Ackerbauern hingegen setzten auf eine pflanzenreiche Kost. Zwar hatten sie erfolgreich Rinder, Schafe und Ziegen domestiziert, lebten aber von deren Milch, geschlachtet wurde nur selten. Für gegenseitige Essenseinladungen waren das nicht die besten Voraussetzungen. Trotzdem scheint es ab und an zwischen Angehörigen beider Gruppen geknistert zu haben, in der Höhle fanden sich nämlich auch Überreste gemeinsamer Nachkommen. Offenbar waren die männlichen Jäger bei der Balz aber hoffnungslos unterlegen. So fand sich in den Knochen gemeinsamer Nachkommen keine mtDNA der Ackerbauern, wohl aber welche von Jägern und Sammlern. Da die mtDNA von der Mutter weitergegeben wird, müssen sich Sammlerinnen mit Ackerbauern eingelassen haben, nicht aber Bäuerinnen mit Jägern.“

Die Autoren beginnen mit der Urgeschichte und enden in der Gegenwart. Sie kommen zu dem Schluss: „Seit Menschen mit aufrechtem Gang durch die Welt gehen, schreiten sie voran. Mobilität liegt in der Natur der Menschen und ebenso der Fortschritt.“
Dieses Buch ist in meinen Augen ein Meilenstein für ein neues (und besseres) Verständnis der menschlichen Wanderungen und bietet wissenschaftlich dokumentierte Antworten auf die Fragen: Woher kommen wir? Wer sind wir? Es zeigt was Ideologie und was Faktum ist.

Humorvolle und dennoch fachlich korrekte Formulierungen kommen nicht nur in den Überschriften (Der Mensch ist die neue Fledermaus)  sondern auch im Text nicht zu kurz. Fakten (Die Spätfolgen nationalistischer Geschichtsschreibung) und Ergebnisse (Volk und Rasse waren einmal) sind eindeutig formuliert.

Das Thema „Migration“ wird zukünftig weltweit eine noch größere Rolle spielen. Je mehr Wissen zur Verfügung steht, desto besser können Vorurteile abgebaut und Solidarität entwickelt werden - im Sinne eines verbindenden WIR. Leider ist diese Grundhaltung immer noch keine Selbstverständlichkeit.

Ich empfehle allen ab 16 Jahren dieses informative, handliche und ansprechende Buch vorbehaltslos, weil es jeder*m Leser*in viele Erkenntnisse schenkt und weil es einen solch konzentrierten Überblick trockener Fakten so fesselnd gut geschrieben bisher noch nicht gab.

 

Ilse Seifried
http://www.i-m-seifried.at
http://www.das-labyrinth.at

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