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Offener Brief der HTL Braunau: Wir sind von der aktuellen Praxis in Asylverfahren bestürzt

Offener Brief der HTL Braunau: Wir sind von der aktuellen Praxis in Asylverfahren bestürzt Bild:spagra
Offener Brief der HTL Braunau: Wir sind von der aktuellen Praxis in Asylverfahren bestürzt Bild:spagra

 

Evelyn Bernadette Mayr und Eva Mitterdorfer
DAF- und DeutschlehrerInnen

 

HTL Braunau, am 12.1. 2019


Sehr geehrte Damen und Herren!

 

Viele ProfessorInnen und SchülerInnen der HTL Braunau sind von der aktuellen Praxis in Asylverfahren bestürzt. Anlässlich der Flucht vor einer Abschiebung zweier unserer SchülerInnen
erlauben wir uns, Ihnen diesbezüglich einen Einblick in die aktuelle Situation des Schuljahres 2018/19 zu gewähren und bitten Sie um einige wenige Minuten Ihrer geschätzten Aufmerksamkeit.

Eine Lehrkraft unserer Institution erzählt Anfang Oktober 2018:

„Heute habe ich einen meiner fröhlichsten und strahlendsten Schüler verloren. Er hatte förmlich geleuchtet vor Freude.
Bedauerlicherweise wurde sein Asylantrag nicht genehmigt. Der Jugendliche kommt aus Afghanistan, das in Österreich als sicheres Herkunftsland gilt, aber alles andere als das ist. Es blieb kaum Zeit sich würdig zu verabschieden. Aber das ist kein Abschied auf Zeit. Es ist schon schmerzhaft, einen Menschen so unbehütet gehen lassen zu müssen. Der Gedanke aber an seine Rückkehr nach Afghanistan ist der blanke Hohn. In vielen Fällen ist es ein Todesurteil. Eine solche Gangart lacht der Menschlichkeit ins Gesicht. Wir haben heute einen gemeinsamen Brief verfasst und ihn in Dankbarkeit für die schönen gemeinsamen Erinnerungen versendet. Ich habe keine Worte für die Gräben aus Trauer, Fassungslosigkeit und Entsetzen, die diese Erfahrung in unserer Schulgemeinschaft hinterlässt.“

Eine weitere Lehrkraft schildert wenige Tage später:

„Mit allergrößter Bestürzung musste ich feststellen, dass auch ich heute Morgen eine Schülerin verloren habe. T. musste mit ihrer Familie Österreich verlassen und ich möchte mir nicht vorstellen, was die Schülerin in Afghanistan erwartet, jetzt da die Taliban dort wieder an Boden gewinnen. Nach ihrer Flucht in den Iran, so die
Schülerin, hatte sie das erste Mal die Möglichkeit, bei drei Stunden Fußmarsch pro Strecke, die Schule zu besuchen. T. lernte zunächst als außerordentliche Schülerin Deutsch – lesen, schreiben, sprechen – und begann alsbald eine Ausbildung zur Mechatronikerin, obschon sie zuvor noch nie einen Computer zu Gesicht bekommen hatte. Nach ihren Angaben setzte sie bei uns den Schulbesuch gegen den Widerstand ihres Mannes fort. Die junge Frau ist 25 Jahre alt, hat drei Kinder und lebte mit ihrer Familie gut integriert in einem oberösterreichischen Dorf im Innviertel, bevor sie unser Land wieder verlassen musste. Sie hat uns alle beeindruckt, LehrerInnen wie MitschülerInnen, mit ihrem Engagement, den fantastischen Fortschritten und vor allem mit ihrer liebenswerten Menschlichkeit. Ich bin fassungslos, dass wir glauben, auf so wertvolle Mitglieder unserer Gesellschaft verzichten zu können - von der menschlichen Tragödie einmal ganz abgesehen.“

An erster Stelle ist es unser Anliegen, die zahlreichen positiven Erfahrungen mit unseren neuen MitbürgerInnen aufzuzeigen. Vor allem geht es uns um einen differenzierten Blick hinsichtlich des Verhaltens, der Schadlosigkeit, des täglichen Engagements und der Leistungsbereitschaft der Betroffenen an unserem Institut. Sie zeichnen sich in vielen Fällen auch durch vorbildliche
Verlässlichkeit und Einsatz über die geforderten Aufgabenstellungen hinaus aus. Die gewissenhafte Erledigung der gestellten Aufgaben und die freiwillig wahrgenommen Angebote zeigen ein eifriges Arbeiten an Integration und Erfolg in den gewählten Fachrichtungen. Die Freude am Lernen und der Integrationswille wirken sich ebenso positiv auf ganze Klassenverbände und die Schulgemeinschaft aus. Nicht zuletzt sind es die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft unserer neu hinzugekommenen SchülerInnen, die uns immer wieder besonders bereichern. Gleichzeitig wirken sich Abschiebe- bzw. Fluchtfälle, wie die beiden oben genannten, verstörend und schockierend auf unsere SchülerInnen in der Klassengemeinschaft aus.


Dabei ist es uns ein Bedürfnis, darüber zu informieren, dass unsere Leistungen jahrelanger Integrations- und Bildungsarbeit für unsere Gesellschaft mit der aktuellen Vorgehensweise gegen MigrantInnen erheblich erschwert und wie in den oben genannten Beispielen zunichtegemacht werden. Wir haben viel Mühe, Zeit und auch Liebe in diese SchülerInnen gesteckt. Ihr soziales Engagement zeigt sich nicht nur in den Bildungseinrichtungen, sondern auch in den dörflichen Gemeinschaften: Unsere SchülerInnen erweisen sich als sozial eingebettet, ganze Ortschaften kümmern sich ebenso aktiv um ihre Integration. So kommen beispielsweise Nachbarn oder engagierte „Eltern auf Zeit für junge Asylwerbende“ mit zum Elternsprechtag, um den jungen Menschen bei ihrer Ausbildung zur Seite zu stehen.


Wir sind davon ausgegangen, dass unsere mühevolle Bildungs- und Integrationsarbeit, die wir in die Zukunft der nachkommenden Generationen investieren, gewürdigt wird und halten es für sinnvoll, dass unsere Einschätzungen und das Engagement unserer SchülerInnen in die laufenden Asylverfahren miteinbezogen werden. Aufgrund dessen und der vielfachen außertürlichen Leistungen von uns LehrerInnen und SchülerInnen wünschen wir uns entsprechende Achtung und
Berücksichtigung in den Verfahren gegen dieselben. Diese Werte wie beiderseitige Integrationsbemühungen, Engagement und Leistungsbereitschaft sollten letztlich im Sinne des gemeinsamen Zusammenhalts unserer Gesellschaft und Gemeinschaft gültig sein. Es ist verantwortungslos und ökonomisch sinnlos (Stichwort Lehrlingsausbildung in den sogenannten Mangelberufen), intelligente junge Menschen, die ihren Weg in unserem Schulsystem aber auch in die Wirtschaft in den Gemeinden Oberösterreichs bereits vorbildhaft gemeistert haben, des Landes zu verweisen. Der wirtschaftliche Faktor dieser Investition in die Bildung unserer neuen MitbürgerInnen, die auch wieder der Gemeinschaft zu Gute kommen soll, darf nicht übersehen
werden. Bar jeder Verantwortung ist einerseits die Missachtung des Menschenrechts auf Leben, andererseits die daraus resultierende fehlende Würdigung der Leistungen unserer Wertegemeinschaft hier vor Ort.


Hinweisen möchten wir auch darauf, dass diese politische Praxis, junge Menschen auszuweisen und abzuschieben, ausgrenzt und stigmatisiert und auf diesem Wege Probleme verstärkt oder erst generiert. Des Weiteren führt diese Unmöglichkeit, ein würdiges Leben zu gestalten, zu Illegalität, zu Obdachlosigkeit, bis hin zum bewusst in Kauf genommenen Tod von Menschen im
„Herkunftsland“, in das abgeschoben wird. Wenn man Afghanistan als „sicheres Herkunftsland“ betitelt, handelt es sich dabei letztlich um Zynismus und Menschenverachtung. Wesentlich scheint es uns in diesem Zusammenhang in erster Linie auf die lebensgefährlichen Bedingungen in diesem Staat hinzuweisen. Mord, Folter, Bombenanschläge und Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind, wenn man die Hintergründe des Kriegsschauplatzes der letzten Jahre und Jahrzehnte kennt, bis heute gang und gäbe. Allein die 28.529 Sicherheitskräfte, die seit 2015 in Afghanistan getötet wurden, sprechen für sich und zeigen die nicht gegebene Sicherheitslage vor Ort (Standard, 17.11.2018). Diese Praxis des Menschseins, noch dazu des Umgangs mit unseren eigenen SchülerInnen in Braunau am Inn, können und wollen wir nicht gutheißen.


Die derzeitige Abschiebepraxis entspricht nicht den ethischen oder christlichen Standards unserer Institution. Wir tolerieren weder durch Schweigen noch durch Duldung die Vorgangsweise gegen unsere bei uns integrierten SchülerInnen. Unser tägliches humanistisches und auf den Wert der Menschlichkeit ausgerichtetes Wirken als LehrerInnen steht im krassen Gegensatz zur derzeitigen staatlichen Praxis im Umgang mit Flüchtlingen und Asylwerbern. Diese Ausrichtung des Handelns und Tuns können wir als PädagogInnen an der HTL Braunau weder gutheißen noch unterstützen, geschweige denn in irgendeiner Form mittragen. In diesem Sinne appellieren wir für ein fortgesetztes Inkrafttreten des humanitären Bleiberechts und für einen menschenwürdigen Umgang im Zusammenhang mit Asyl und Integration in Österreich. Letztlich sehen wir uns auch in der Pflicht, dem historischen Gedächtnis und der geschichtlichen Verantwortung der Stadt Braunau am Inn als rechtschaffene StaatsbürgerInnen gerecht zu werden.

Evelyn Bernadette Mayr und Eva Mitterdorfer
DAF- und DeutschlehrerInnen
Osternberger Straße 55
5280 Braunau am Inn
Braunau, am 12.1. 2019

An: Christian Konrad, Thomas Stelzer, Manfred Haimbuchner, Birgit Gerstorfer, Rudi Anschober, Eva Schobesberger, OÖN, SN, Presse, Standard, Krone, Tipps, Braunauer Warte, Kurier, Wiener Zeitung, Falter, Diözese Linz, Caritas, evangelische wie katholische Kirche

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Kommentare: 6
  • #1

    Christina Warelopoulos (Montag, 03 Juni 2019 23:24)

    Ich kann diesen offenen Brief nur voll unterstützen und bin sehr beeindruckt von der geschilderten Situation und den treffenden Worten!

  • #2

    Regina Kummetz (Montag, 03 Juni 2019 23:48)

    Als inzwischen pensionierte DaZ-Lehrerin spricht mir ihr Brief in jeder Zeile aus der Seele. Auch meine ehemalige Schule hat sich mit Herz und Hirn um die geflüchteten Kinder und ihre Familien gekümmert, mit großem Erfolg!
    Und jetzt? Jetzt schäme ich mich für mein Land, d.h. für seine Politiker und viele seiner Wähler.
    Scham, Entsetzen und Traurigkeit ob der Entwicklungen in den letzten Jahre.
    Danke für Ihren Brief!

  • #3

    Anne Tischlinger (Dienstag, 04 Juni 2019 10:48)

    Das relevante Gesetz muss von der neuen Regierung aufgehoben werden! Viele wertvolle, gut integrierte deutschsprechende Menschen werden abgeschoben und in allergrößte Gefahr gebracht werden. Österreich - schäme Dich!

  • #4

    Gertrud Mayrhuber (Mittwoch, 05 Juni 2019 22:46)

    Ich arbeite auch immer wieder mit jugendlichen Flüchtlingen und begleite sie in der Regel länger. Dabei mag man sich einfach nicht vorstellen, dass etwas auf den Weg gebracht wird (Schule, Ausbildung, Arbeitsplatz,...), was plötzlich und jederzeit wieder enden kann. So werden ganze vielversprechende Lebensentwürfe zerstört und mit ihnen junge Menschen, die jede Existenzgrundlage wieder verlieren. Das ist in einem Land wie Österreich schlichtweg skandalös!

  • #5

    Julia Küng (Sonntag, 09 Juni 2019 08:23)

    Diese Zustände sind untragbar. Danke für Ihr Aufstehen!

  • #6

    Eva Waginger (Mittwoch, 12 Juni 2019 16:11)

    Danke für diesen Brief. Früher dachte ich immer, warum schreiben wir über dieses Unrecht nicht, versuchen es anderen klar zu machen- nach drei Jahren Arbeit mit Flüchtlingen weiß ich, dass man kaum mehr die Energie aufbringt, all das Unrecht aufzuzählen, sich dagegen aufzulehnen. Die Hinterlistigkeit unseres System, das Menschen nicht erlaubt, sich ein normales Leben aufzubauen, das sie immer kurz vor ihren Zielen (Schulabschlüsse, Lehrlingsausbildung...) ausschließt, sie zu Personen ohne Existenzberechtigung erklärt , macht sprachlos- ich habe für all diesen Schmerz, der da in die Welt gesetzt wird, keine Worte mehr. Daher Dank an alle, die das noch schaffen.