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Inklusion in Südtirol

Referat von Franz Lemayr, Inspektor für Inklusion der deutschsprachigen Schulen Südtirols. Gehört und aufgeschrieben von A. Chvatal am 13.11.2018 in St. Arbogast, Vorarlberg. Bild: Gerhard Rüdisser
Referat von Franz Lemayr, Inspektor für Inklusion der deutschsprachigen Schulen Südtirols. Gehört und aufgeschrieben von A. Chvatal am 13.11.2018 in St. Arbogast, Vorarlberg. Bild: Gerhard Rüdisser

Von Andreas Chvatal

Alles begann 1977. Da war Schluss. Schluss mit den italienischen Sonderschulen. Sie wurden abgeschafft, und die Regelschule musste alle - und zwar wirklich alle - Schüler/innen und Schüler (SuS) aufnehmen. Dass diese Regelschule eine Gesamtschule im besten Sinn war und ist, erwies sich dabei als überaus günstig. Die zu inkludierenden SuS konnten auf das gesamte Schulsystem verteilt werden. Dies wäre in Ö derzeit gar nicht durchführbar, da die
„Inklusion“ hierzulande wohl auf die Pflichtschule beschränkt bliebe. Die Vorreiterrolle Italiens in Sachen Inklusion ist unbestreitbar. Ö kann in dieser Hinsicht nicht einmal ein Nachhinken attestiert werden. Wie ist in Italien gelungen, was in Österreich noch nicht begonnen wurde? Herr Lemayr erklärt es uns.

Wenn beeinträchtigten Menschen die Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen ermöglicht werden soll, müssen Ressourcen zur Verfügung gestellt und Rahmenbedingungen geschaffen werden. 600 Lehrer/innen kommen in Südtirol in der Inklusion zum Einsatz. Ihr Tätigkeitsfeld ist klar definiert, die Betreuung von Beeinträchtigten Sache aller beteiligten Pädagog/innen. Die Kooperation von Fach-/Klassenlehrpersonen,    Integrationslehrpersonen und Mitarbeiter/innen  für  Integration ist Grundvoraussetzung für das Gelingen von Inklusion. Bis zu ihrem
16. Lebensjahr sind in Italien alle SuS schulpflichtig, bis sie 18 sind, besteht für sie Ausbildungspflicht. Keine italienische Schule kann eine/n Schüler/ in abweisen. Dies gilt auch für die Sekundarstufe II auch inbezug auf Beeinträchtigte.

Die Lehrkräfte können sich darauf verlassen, dass in einer Klasse mit einem(!) Inklusionskind nicht mehr als 20 Kinder sitzen. Es gibt klare Definitionen von Beeinträchtigungen. Die Schule erstellt eine Funktionsdiagnose, welche nach Zustimmung der Eltern in der Zuerkennung inklusiver Betreuung für das betreffende Kind mündet. Für SuS mit Entwicklungsstörungen bildet ein klinischer Befund die  Grundlage für ihren individuellen Bildungsplan. Sozial-emotional benachteiligte Schüler/innen bekommen einen solchen aufgrund eines Beschlusses aller das Kind unterrichtenden Lehrkräfte.
Zusätzlich erarbeiten die Lehrkräfte gemeinsam mit den Eltern ein Funktionelles Entwicklungsprofil für den/ die betreffende/n Schüler/in. Auch schwerstbeeinträchtigte SuS - z.B. - Wachkoma - werden inkludiert. Eine optimale Infrastruktur an den jeweiligen Schulen ist selbstverständlich. Fünf regionale Pädagogische Beratungszentren unterstützen die Lehrkräfte. Das Südtiroler Schulsystem leidet allerdings unter Lehrkräftemangel und muss 400 nichtausgebildete Personen einsetzen.

Die Art der Beeinträchtigung muss bei der Beurteilung berücksichtigt werden. Schulen sind verpflichtet, dem Rechnung zu tragen und können zur Verantwortung gezogen werden. Herr Leymar schildert den Fall einer Schülerin, deren Benachteiligung bei der Matura nicht berücksichtigt wurde, weshalb sie nicht bestand und ein Studienjahr verlor. Ihr wurde Schadenersatz zugesprochen.

Dann beantwortet Herr Lemayr  Fragen und zwar offensichtlich mit großer Ehrlichkeit. Zeitaufwand für den Individuellen Bildungsplan? - Keine Ahnung, wahrscheinlich in manchen Fällen ein Klacks, in anderen eher aufwändig. Inklusion von sozialemotional benachteiligten SuS? - Er räumt ein, dass es - sehr wenige -Fälle gibt, die nicht gruppenfähig sind.
Diese werden therapeutischen Einrichtungen zugewiesen. Die Zahl von SuS mit diziplinären Problemen sei allerdings in letzter Zeit stark angestiegen. Wie viele SuS bleiben sitzen? – Grundschule +/-0, Mittelschule - sehr wenige, in der Sek II wird es selektiver.
Gelten dieselben Regelungen, wie in Sütirol in ganz Italien? - Ja. (Das waren bei weitem nicht alle Fragen!)

Dank an Herrn Lemayr für seine Ausführungen. Es wurde deutlich, dass Inklusion, wie sie in Südtirol existiert,  in Ö derzeit aufgrund des Fehlens einer Gesamtschule nicht möglich ist. Anstelle des emanzipatorischen Geistes, der in Südtirol eine Inklusion ermöglichte, die diesen Namen verdient, spukt in Ö ein Gespenst, das soziale Gerechtigkeit verhindert. Es ist schwarz-blautürkis gestreift.

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