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VS-Direktorin: „Vor den Eltern unserer Kinder schäme ich mich für die Bildungspolitik“

Bildungspolitik: Eine Stellungnahme aus der Sicht einer Brennpunktschule. Bild:spa
Bildungspolitik: Eine Stellungnahme aus der Sicht einer Brennpunktschule. Bild:spa

Eine Stellungnahme aus der Sicht einer Brennpunktschule.

 

Direktorin Christa Lissy-Rauch, VS Oberau, Feldkirch: „Deutsch über alles?“

 

„Deutsch über alles?“ - So wurde einst eine bundesweite Fortbildung tituliert, die auf die Irrtümer der Bildungspolitik mit diesem völlig falschen Ansatz (Deutsch über alles) aufmerksam machte. Dr. Inci Dirim und anerkannte Wissenschaftler in Sachen Mehrsprachigkeit wie Dr. Krumm waren zwei der vielen Referenten, die auf den Schatz und das Potential der Mehrsprachigkeit und des lebensnahen und kindgerechten Deutscherwerbs hinwiesen.
Viele solcher österreichweiten Fortbildungen habe ich besucht, Schulentwicklung zu diesem Thema war ein wichtiger Bestandteil unseres Schulalltags und dies wurde durch viele Erfolge in der Deutschförderung, aber auch im multikulturellen Ansatz und der umfassenden Integration unserer Kinder mit nichtdeutscher Herkunft belohnt.
Wir schafften es, mit Arbeit an Haltungen verbunden mit professioneller Schulung, zu einem wertschätzenden Umgang mit genannten Themen zu kommen. 2013 wurden diese jahrelangen Bemühungen mit dem Integrationspreis des Landes Vorarlberg ausgezeichnet und 2017 wurde unsere Schule als erste in Vorarlberg VOXMI (Von und miteinander Sprachen lernen) zertifiziert.
Stolz sind wir auf unser gewachsenes Schulkonzept, das uns nun durch die verpflichtende Einführung einer Deutschklasse ab 8 Kindern mit außerordentlichem Status genommen wird.
Die verpflichtende Einführung dieser Klasse bedeutet für unseren Standort eine gravierende Verschlechterung der Schulqualität. Einem erfolgreichen Schulkonzept, das wir gerne im Zusammenhang von Fort- und Weiterbildungsangeboten präsentiert und weitergegeben haben, wird dadurch der Boden entzogen.

Wo bleibt hier die Schulautonomie?
Auswirkungen dieser gesetzlichen Bestimmung:
Die Einrichtung einer eigenen Vorschulklasse ist nicht mehr möglich. Sie genießt unter den Schülereltern bis jetzt den besten Ruf. Deutschsprachige Kinder müssten nun in die erste Klasse integriert werden. Eine auf lebenspraktischen Inhalten basierende Förderung der deutschen Sprache im Rahmen einer sprachlich durchmischten Klasse ist nicht mehr möglich. Dies ist ein ganz wesentlicher Punkt im Rahmen des Schulkonzeptes.
Die drei ersten Klassen sind gefährdet, auf zwei reduziert zu werden, das sind alles Rechnungsfaktoren, die im Ministerium nicht beachtet werden, bzw. sogar gewünscht werden, da dadurch die Sparmaßnahmen durch die Hintertür kommen. Die Professionalisierung der Lehrpersonen, die in der Deutschförderung tätig sind, ist ebenfalls ein zentraler Faktor des Konzepts. 
Kinder aufgrund ihrer Deutschkenntnisse zu separieren und zu kategorisieren finden wir diskriminierend, Ausdrücke wie Deutschklasse, Ausländerklasse, Migrantenklasse haben in unserer Schule keinen Platz, denn wir haben Kinder und nur Kinder, die Bedürfnisse haben, an denen sich ein Lehrerinnenteam zu orientieren hat. 
Nahezu ausweglos erscheint die Situation, den Kindern diese umfassende Förderung und Teilhabe an allen Bereichen des Bildungserwerbes im kommenden Schuljahr zukommen zu lassen.
Da nehmen wir schon eher den Verlust von Stundenkontingenten hin und nennen nur mehr 7 Kinder mit aoStatus administrativ, um ihnen den Besuch einer sogenannten Deutschklasse (im Volksmund „Ausländerklasse“)zu ersparen.


Vor den Eltern unserer Kinder schäme ich mich für die Bildungspolitik
Vor den Eltern unserer Kinder schäme ich mich für die Bildungspolitik, die für uns klare Tendenzen zur Ausgrenzung zeigt. Solche Tendenzen haben in unserer Schule keinen Platz. Alle Eltern unserer außerordentlichen Kinder würden heftig gegen diese Form der Einschulung protestieren.
Wenn ich als erfahrene Schulleiterin, die ihren Dienst seit 20 Jahren besonders unter diese Thematik gestellt hat, keine Möglichkeit habe, Deutschförderung AUTONOM gestalten zu können, frage ich mich, wo wir noch autonome Entscheidungen treffen können.
Der Erfolg bei den Deutsch Standard-Überprüfungen hat uns recht gegeben. Warum sehen nicht auch unsere Vertreter im Ministerium erfolgreiche Schulmodelle, die ihre Schulentwicklung nach wissenschaftlichen Kriterien ausrichten.
Ein über Jahre entwickeltes, sehr erfolgreiches Deutschförderkonzept auf einen Schlag zunichte zu machen, enttäuscht und demotiviert unser Team.
Auf ein Umdenken und ein Orientieren an gelingenden Beispielen hoffen wir.

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